Öffentlicher Verkehr: Die rollende Visitenkarte

Die Fahrzeuge und Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel prägen kontinuierlich  das  Stadtbild  wie  kaum  ein  anderes  Element.

Das   Bewusstsein   dafür   steigt   –   unter   Konkurrenzdruck.

Die Wiener Linien tun es, die ÖBB sowieso, die Innsbrucker Hungerburgbahn, die Kulturhauptstadt Linz und sogar der Stadtbus im kleinen St. Pölten: Sie alle nehmen für die Planung und Gestaltung ihrer Fahrzeuge die Hilfe professioneller Gestalter in Anspruch. Wo in den vergangenen Jahrzehnten technische Notwendigkeiten dafür sorgten, dass Straßenbahnen zwischen Wien bis Innsbruck im Wesentlichen gleich ausgesehen haben, lassen sich neue, auf die Stadt zugeschnittene Wagendesigns im Idealfall direkt einem Betreiber zuordnen – eine Visitenkarte auf Schienen, sozusagen.

„Das Bewusstsein für den Wert guter Gestaltung nimmt bei österreichischen Verkehrsbetrieben immer mehr zu“, sagt Daniel Huber, Mitbegründer des Wiener Designbüros Spirit Design. Für die Gestaltung des neuen Hochgeschwindigkeitszuges der ÖBB, des „railjet“, der seit vergangenem Herbst auf der West- und Südbahn verkehrt, hat Spirit Design vor Kurzem den renommierten „red dot“-Preis erhalten.

Dass sich die Verkehrsbetriebe nicht mehr mit dem industriellen Einheitsdesign von Zügen und Haltestellen zufriedengeben, begründet Huber mit dem steigenden Wettbewerbsdruck. Zum einen brechen die alten Monopole immer mehr auf – 2011 soll etwa erstmals ein privates Unternehmen auf der Westbahn verkehren. Zum anderen stünden alle Verkehrsbetriebe in Konkurrenz untereinander und gegen den Individualverkehr.

Auf Langstrecken habe der Konsument etwa die Wahl, ob er mit dem Auto, dem Flugzeug oder der Bahn reise. „In diesem Wettbewerb stellt neben der Kundenfreundlichkeit die Kraft der Marke ein wesentliches Entscheidungskriterium dar“, sagt Huber. Und ein klares Corporate Design, das auch die Gestaltung der Züge umfasse, sei wiederum ein wesentliches Element des Markenbegriffes der ÖBB.

 

Als Beispiel nennt Huber den railjet: Der Hintergedanke sei gewesen, Fernreisenden eine Alternative zum Flugzeug zu bieten. Im Gegensatz zum Fliegen sei das Einsteigen unkomplizierter, man habe auf Schiene Gelegenheit zu arbeiten und sich frei zu bewegen. Konsequenterweise enthält der railjet offene Einstiegsbereiche und mehr Platz als bisherige ÖBB-Garnituren. „Das war ein ständiges Hin und Her mit der Bahn“, sagt Huber: Das Verkehrsunternehmen wollte mehr Sitzplätze unterbringen, die Designer den Passagieren mehr Freiraum geben. Am Ende setzte sich ein Kompromiss durch: mehr Platz für das Gepäck. Denn Studien im Vorfeld des Gestaltungsprozesses hätten gezeigt, dass viele Sitze durch Gepäck blockiert sind, für das es sonst keinen Platz gibt.

 

Ein gelungenes Beispiel für Design im Bereich öffentlicher Verkehrsmittel sieht Huber in der Gestaltung der Ultra-Low-Floor-Straßenbahnen (ULF), die seit 1998 im Netz der Wiener Linien verkehren. Deren Gestaltung, für die das deutsche Unternehmen Porsche Design verantwortlich zeichnet, betone stark die Barrierefreiheit, die die ULF auszeichnet – „und gutes Design hat viel mit Symbolik zu tun“, so Huber.

 

Dazu komme auch noch der praktische Nutzen: Weil beim Einsteigen in eine ULF keine Stiege zu überwinden ist, dauere der Aufenthalt in den Stationen weniger lang. Dadurch kommt es effektiv zu einer Kapazitätssteigerung auf den Straßenbahnstrecken.


Werbung für die Stadt. Auch kleinere Städte machen von der Möglichkeit Gebrauch, „ihre“ Verkehrsbetriebe mit einer eigenen Marke und passendem Design zu versehen. St. Pölten etwa hat Ende 2007 sein Stadtbussystem, bis dahin im klassischen ÖBB-Postbusdesign betrieben, auf neue Beine gestellt.

Studenten der in der Landeshauptstadt ansässigen New Design University gestalteten damals die Wortbildmarke „Lup“ in Anlehnung an das Wappentier der Stadt, den Wolf. „Für die Stadt war das natürlich eine Möglichkeit aufzuzeigen, welche Leistung sie für die Bürger erbringt“, erklärt Christoph Lehrner. Im Gegensatz zu einem anonymen Postbus böte der „Lup“ stärkere Identifikationsmöglichkeiten mit der Gemeinde. Ein Angebot, das angenommen wird – gegenüber 2007 stieg die Anzahl der Stadtbus-Fahrgäste um eine Million auf insgesamt 3,5 Millionen im Jahr 2008.

 

Zusätzlich zur Gestaltung der Fahrzeuge kann das Stadtbild durch die professionelle Gestaltung von Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel gewinnen. Wien verfügt in diesem Bereich mit den Stadtbahnstationen des Jahrhundertwende-Architekten Otto Wagner über historische Beispiele. Bei moderner Architektur ist heute Innsbruck federführend: Für den Neubau der Hungerburgbahn, die von der Innenstadt zur Nordketten-Seilbahn führt, holte sich die Stadt die Stararchitektin Zaha Hadid. Das schaffe natürlich Mehrwert, sagt Thomas Schroll, Geschäftsführer der Innsbrucker Nordkettenbahnen: „Die Bahn selbst ist jetzt ein Imageträger für die Stadt.“

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