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20

Mai

2009

Der neue SEV-Präsident Giorgio Tuti will intern und extern vieles bewegen

Der Kampf gegen den Sozialabbau ist für den frisch gewählten SEV-Präsidenten Giorgio Tuti oberstes Anliegen. Am SEV-Kongress in Bern forderten die 250 Delegierten unter anderem bessere Möglichkeiten zur Frühpensionierung.

Der SEV werde das Anliegen der Frühpensionierungen somit in den kommenden Verhandlungen zu Gesamtarbeitsverträgen gegenüber den Unternehmen des öffentlichen Verkehrs einbringen, heisst es in einer Medienmitteilung.

Diese Firmen kamen am Kongress des Schweizerischen Eisenbahn- und Verkehrspersonal-Verbandes (SEV) indirekt zu Wort, indem Peter Vollmer als Direktor des Verbands des öffentlichen Verkehrs ein Gastreferat hielt. Er wies darauf hin, dass die Unternehmen des öffentlichen Verkehrs nur beschränkte Mittel zur Verfügung hätten. Das müsse auch der SEV zur Kenntnis nehmen. Würde nämlich die Wirtschaftlichkeit geschwächt, stände der öffentliche Verkehr als Ganzes auf dem Spiel.

Aufmunternde Worte gab es vom Präsidenten des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB), Paul Rechsteiner: "Der SEV ist eine starke, stolze Gewerkschaft, die bereit ist, die Herausforderungen der Zukunft aktiv anzugehen." Er warnte jedoch vor den Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf Arbeitnehmer und Arbeitsplätze.

Zu Beginn des Kongresses war der 45-jährige Giorgio Tuti zum neuen SEV-Präsidenten gewählt worden. Er wird Nachfolger des verstorbenen Pierre-Alain Gentil. Tutis Wahl war keine Überraschung, denn die Geschäftsleitung hatte ihm schon kurz nach der Erkrankung Gentils die Führung des SEV übertragen. Seit Oktober 2008 amtete er auch als Präsident ad interim.

 

 

Mehr zum Thema: SEV-Kongress stimmt internen Reformen zu - Neue Führungsstruktur und neuer Name für den SEV

Der SEV ist nun auch formell auf Deutsch eine Gewerkschaft: Der Kongress hat einer Namensänderung zugestimmt. Er gibt auch grünes Licht für eine Strukturreform, die dem SEV eine schlankere Organisation gibt, die schneller entscheiden kann, ohne den Einfluss der Unterorganisationen und der Basis zu schmälern.

Statt vier Entscheidstufen hat der SEV in Zukunft nur noch deren drei, die aber klarer strukturiert sind: Der Kongress als oberstes Organ findet weiterhin alle zwei Jahre statt. Die strategische Führung in der Zeit zwischen den Kongressen liegt neu beim Vorstand, der aus 21 Personen besteht, die alle aus der Milizstruktur nominiert werden. Dieser Vorstand tritt monatlich zusammen und setzt die Leitplanken für die operative Führung. Die neue Geschäftsleitung setzt sich aus vier bis fünf Mitgliedern der professionellen Leitung zusammen: Präsident, Finanzverwalter, Vizepräsident/innen.
Bisher wurde der SEV von einer 13-köpfigen Geschäftsleitung geführt, die aus Mitgliedern des Profi- und des Milizbereichs zusammengestellt war. Zudem gab es einen Verbandsvorstand mit 37 Mitgliedern, der zweimal jährlich zusammentrat.


Zu Diskussionen führte die Frage der Stimmengewichtung im Vorstand. Der Kongress entschied sich für einen Schlüssel nach so genannt voll zahlenden Mitgliedern, was einerseits die Grösse der Unterverbände berücksichtigt, andererseits auch deren Mitgliederstruktur.

Vom Verband zur Gewerkschaft
Praktisch unbestritten war eine Statutenänderung, die den Namen des SEV betrifft: Statt «Schweizerischer Eisenbahn- und Verkehrspersonal-Verband (SEV)» heisst dieser nun «SEV – Gewerkschaft des Verkehrspersonals». Damit ist der deutsche Name nun identisch mit dem seit langem bestehenden französischen und italienischen. Der Namenswechsel ist aber auch Programm: Der SEV versteht sich heute klar als Gewerkschaft, die den Unternehmen als Verhandlungspartner gegenübersteht.

Position beziehen
In mehreren Positionspapieren und Resolutionen hat der SEV-Kongress seine Haltung zu aktuellen politischen und gewerkschaftlichen Fragen festgelegt. Grösste Sorgen machen sich die aktiven wie auch die pensionierten Mitglieder um den Zustand der beiden wichtigsten Pensionskassen im öffentlichen Verkehr: die Pensionskasse SBB und die Ascoop. Nach wie vor fehlen die Entscheide des Bundes zur korrekten Ausfinanzierung. Zusammen mit der Finanzkrise ist die Situation äusserst beunruhigend, und es ist zu befürchten, dass von den Versicherten grosse Opfer verlangt werden. Der SEV wird alles daran setzen, die berechtigten Ansprüche der Betroffenen durchzusetzen. Am 19. September 09 wird in Bern eine grosse Demonstration gegen den Sozialabbau stattfinden, an welcher der SEV markante Akzente setzen will.

Der SEV stellt sich zudem gegen Restrukturierungen, wenn deren Nutzen nicht verständlich gemacht werden kann. Die Kultur der permanenten Reorganisation, die in zahlreichen Unternehmen herrscht, führt beim Personal zu Verunsicherung, zu Demotivation, häufig aber auch zu materiellen Einbussen. Mit Gesamtarbeitsverträgen auf allen Ebenen will der SEV die Lohn- und Anstellungsbedingungen des öV-Personals absichern, dies auch angesichts der weitergehenden Liberalisierung, die sowohl in der Schweiz als auch von der EU vorangetrieben wird.

Schliesslich bekräftigt der SEV sein politisches Engagement, indem er aktiv an der öV-Initiative mitwirkt, die er zusammen mit dem VCS und weitern Organisationen lanciert hat. Er verlangt weiter, dass SBB Cargo integral erhalten und mehrheitlich ein Schweizer Unternehmen bleibt, das dem Gesamtarbeitsvertrag der SBB unterstellt ist.

Basis ausweiten
Grosses Gewicht legt der SEV in den kommenden Jahren auf die Mitgliederwerbung, sowohl in seinen traditionellen Branchen des öffentlichen Verkehrs als auch in neuen Bereichen. So hat er zusätzliche Mittel für Werbung und Bildung bereitgestellt, um die Sektionen in ihren Aktivitäten stärker zu unterstützen. Weiter sind zwei Projekte lanciert worden, um neue Arbeitsbereiche zu erschliessen. Das eine widmet sich dem touristischen Verkehr, also beispielsweise dem Personal in Wintersportorten, das heute kaum gewerkschaftlich organisiert ist und häufig sehr prekäre Anstellungsbedingungen hat. Das andere zielt auf das Bodenpersonal der Luftfahrt, das mit SEV-GATA bereits eine Unterorganisation des SEV bildet, aber noch grosses Potenzial aufweist.

Soziale Themen beschäftigen die Gewerkschaft
Pensionskassen, Rentenalter, Gesamtarbeitsverträge: Im Mittelpunkt der politischen Diskussionen am SEV-Kongress standen Fragen der Sozialpolitik. Auch die Gastredner gingen auf diese Anliegen ein.

Gleich zwei Anträge von der gewerkschaftlichen Basis forderten bessere Möglichkeiten zur Frühpensionierung. Sie wurden von den 250 Kongressdelegierten klar angenommen. Der SEV wird dieses Anliegen somit in den kommenden Verhandlungen zu Gesamtarbeitsverträgen gegenüber den Unternehmen des öffentlichen Verkehrs einbringen.

Diese Unternehmen kamen am Nachmittag des 19. Mai 09 am Kongress zumindest indirekt zu Wort, indem Peter Vollmer als Direktor des Verbands des öffentlichen Verkehrs ein Gastreferat hielt. Vollmer wies darauf hin, dass die Unternehmen des öffentlichen Verkehrs nur beschränkte Mittel zur Verfügung hätten. Das müsse auch der SEV zur Kenntnis nehmen. Würde nämlich die Wirtschaftlichkeit geschwächt, stände der öffentliche Verkehr als Ganzes auf dem Spiel. Man müsse also am gleichen Ende des gleichen Stricks ziehen, denn «wo der öffentliche Verkehr stirbt, sterben mit ihm auch die Angestellten des öffentlichen Verkehrs», warnte Vollmer. Er dankte dem SEV gleichzeitig aber auch für seinen anhaltenden Einsatz bei Vorlagen für den öffentlichen Verkehr.

Aufmunternde Worte gab es für den SEV vom Präsidenten des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes SGB, Paul Rechsteiner: «Der SEV ist eine starke, stolze Gewerkschaft, die bereit ist, die Herausforderungen der Zukunft aktiv anzugehen», stellte er fest. Rechsteiner ging auf das wirtschaftliche Umfeld ein und warnte vor den Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf Arbeitnehmende und Arbeitsplätze. Allerdings betonte er, dass sich für den SEV und seine Mitglieder eine einmalige Chance biete, denn ein Investitionsprogramm könne im öffentlichen Verkehr einen Quantensprung auslösen, dank dem die Umwelt, die Bevölkerung und auch die Wirtschaft in der Schweiz auf Jahrzehnte hinaus profitieren könnten. Im übrigen unterstützte Rechsteiner die Forderung des SEV nach korrekter Ausfinanzierung der Pensionskassen SBB und Ascoop, ein Anliegen, das auch Peter Vollmer als wesentlich bezeichnet hatte.

Auch Alexander Kirchner, Vorstandsvorsitzender der deutschen Bahngewerkschaft Transnet, ging auf die Wirtschaftskrise ein. «Mit Geld kann man nicht Geld verdienen; nur wertschöpfende Arbeit schafft Wohlstand», betonte er. Vor allem aber sprach er über die Notwendigkeit einer neuen Strategie der Bahnen in der liberalisierten Welt. Die Unternehmen hätten in den letzten Jahren versucht, aus Kollegen Konkurrenten zu machen. Nun gelte es, diese Entwicklung zu wenden: «Kooperation statt Konfrontation ist der Ansatz, den wir als Gewerkschaften der Liberalisierung entgegenstellen müssen», hielt er fest und sprach damit ausdrücklich auch die Frage der SBB Cargo an, die der Deutschen Bahn eine Minderheitsbeteiligung angeboten hat. Eine Verdrängungskonkurrenz schade allen, deshalb seien Kooperationen die Grundlage einer neuen europäischen Verkehrspolitik, schloss Kirchner sein Referat und erhielt dafür begeisterten Applaus.

Giorgio Tuti ist neuer Präsident des SEV
Der Kongress des SEV hat Giorgio Tuti ohne Gegenstimmen zum neuen Präsidenten gewählt. Der 45-jährige Solothurner folgt auf Pierre-Alain Gentil, der im letzten Herbst überraschend verstorben war. In seiner Eröffnungsrede legte Tuti das Schwergewicht auf Akzente in der Vertrags- und Sozialpolitik sowie auf interne Reformen im SEV, die der Kongress beschliessen soll.

Ein letztes Mal würdigte der SEV am Anfang des Kongresses im Kursaal Bern das Wirken von Pierre-Alain Gentil, der dort vor genau vier Jahren zum Präsidenten der Verkehrsgewerkschaft gewählt worden war. Letzten Sommer erkrankte er und verstarb nach wenigen Wochen. Er hinterliess eine grosse Lücke – aber auch einen klaren Auftrag, hatte doch der SEV unter seiner Führung zahlreiche interne Reformen angepackt, die nach seinem Tod weitergeführt wurden.

Seine Nachfolge war eine klare Sache: Giorgio Tuti hatte bereits kurz nach der Erkrankung Gentils von der Geschäftsleitung die Führung des SEV übertragen erhalten, seit Oktober als interimistischer Präsident. Seine Wahl war am 19. Mai 09 unbestritten, hatte doch Tuti in der schwierigen Übergangszeit seine Führungsqualitäten klar gezeigt und den SEV auf Kurs gehalten. Nun hat ihn der Kongress mit einem Spitzenresultat zum Präsidenten gewählt. Die Wahl erfolgt auf eine vierjährige Amtsperiode.

Tuti sieht den SEV vor grossen Herausforderungen auf drei Ebenen: politisch, gewerkschaftlich und intern. Politisch sieht er den Kampf gegen den Sozialabbau als oberstes Anliegen, stehen doch AHV, IV und Pensionskassen unter grossem Druck. Im Gegensatz zu den Banken erwarte der SEV bei den Pensionskassen keine Geschenke: «Hier fordern wir nicht mehr als eine korrekte Ausfinanzierung, also genau das, was uns zusteht!»

Auf der gewerkschaftlichen Ebene setzt Tuti auf Gesamtarbeitsverträge, die der SEV grundsätzlich mit allen Firmen anstrebt, bei denen Mitglieder tätig sind. Mit den Kantonen verhandelt der SEV Rahmenverträge, und schliesslich sind auf nationaler Ebene (allgemeinverbindliche) Branchenverträge anzustreben. Es gelte aber auch den anhaltenden Restrukturierungen im öffentlichen Verkehr Druck entgegenzuhalten, damit diese nicht zum reinen Selbstzweck werden.

Schliesslich rief Tuti die 250 Delegierten auf, die Anträge zur internen Reform des SEV gutzuheissen. Es gehe darum, der Gewerkschaft zeitgemässe Strukturen zu geben, die auch die Grundlage für einen Mitgliederzuwachs bilden. «Nur eine starke Gewerkschaft ist in der Lage, ihre Forderungen durchzusetzen», betonte Tuti und ergänzte: «Wir suchen den Konflikt mit den Arbeitgebern nicht, aber wenn es dazu kommt, weichen wir ihm nicht aus!»

Zur Person
Giorgio Tuti ist 45-jährig. Nach einem Studium in Recht und Wirtschaft an der Universität Bern stieg er umgehend in der Gewerkschaftsbewegung ein. Er war beim Solothurner Gewerkschaftsbund und bei der damaligen GBI im Tessin tätig, bevor er 1997 zum SEV stiess. 2001 wurde er zum Vizepräsidenten gewählt. Als Präsident Pierre-Alain Gentil im vergangenen Sommer schwer erkrankte, übernahm Tuti die Gesamtverantwortung im SEV, nach dem Tod Gentils setzte ihn die Geschäftsleitung als Präsidenten ad interim ein. Giorgio Tuti lebt mit seiner Frau und den beiden Töchtern in Langendorf bei Solothurn.

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