Mo

11

Mai

2009

Ein SBB-Zugbegleiter berichtet aus seinem Alltag bzw. von einer doch etwas spezielleren Tour

Versteckte Kamera? Oder einfach nur Zufall?

Kann es wirklich sein, dass man als Kondukteur 75% seiner Tour keinen einzigen Problem-Fahrgast hat und dann im letzten Viertel, auf der letzten Strecke, innerhalb der letzten eineinhalb Stunden des Arbeitstages gleich einen nach dem anderen? Genau dies ist mir passiert. Zeitweise glaubte ich fast daran, Hauptperson in einer neuen Episode der versteckten Kamera zu sein, doch es war alles ganz real und echt wahr.

Der 4. April 2009. Ein Samstag wie jeder andere auch. Meine Tour führte mich zuerst von Chur nach Zürich. Soweit ich mich erinnern kann, verkaufte ich auf dieser Strecke nicht ein einziges Billett. Alle Fahrgäste stiegen mit gültigen Fahrausweisen ein. Auf der Rückfahrt nach Chur sah es nicht viel anders aus. Ein paar wenige Billette konnte ich an den Mann und an die Frau bringen, doch die Einnahmen deckten nicht die Kosten, welche der SBB durch meine Anwesenheit entstanden.

Nach der Pause ging es auf die “berühmt-berüchtigte” St. Galler-Linie durchs Rheintal. Während andere Zugbegleiter diese Route gerne fahren und selten Probleme haben, sitzt bei mir doch verhältnismässig häufig mindestens jemand im Zug, der nicht so will, wie ich es gerne hätte. Vor allem rund um Altstätten SG kommt es ab und an zu Problemen mit den dort in einem Zentrum einquartierten Bewohnern.

Der Rheintal-Express in Sargans                                          Foto: Marcel Manhart

 

Doch von Chur bis St. Gallen verlief es an diesem Tag sehr ruhig. Kumuliert betrugen meine Einnahmen von Chur - Zürich - Chur - St. Gallen vielleicht gerade einmal mickrige 50 Franken.

Wenige Minuten nach dem es 20 Uhr geschlagen hat, fuhr mein Zug von St. Gallen zurück in die Alpenstadt Chur. Ich erwarte nicht viel spektakuläres und ging davon aus, eine ruhige Kugel schieben zu können, merkte dann aber rasch, dass ich mich in dieser Hinsicht schwer getäuscht habe.

Zwischen Rheineck und St. Margrethen. Ich stehe vor einer verschlossenen Toilette. Ein Passagier - der auf der Plattform steht, weil er gleich aussteigen möchte - teilt mir mit, dass die Toilette schon länger verschlossen sei. Ich klopfe an, ohne eine Antwort zu erhalten. Gleichzeitig fahren wir in St. Margrethen ein.

Auf dem Perron postiere ich mich so, dass ich die Toilette im Blick habe. Lange brauche ich aber auch gar nicht zu warten, schon geht die Tür auf. Heraus stolpert eine Dame mittleren Alters, welche vom Gewicht her locker das doppelte meiner bescheidenen 80 kg auf die Wage bringen dürfte. Sie steigt aus und ich verlange das Billett.

“Aber jetzt bin ich schon ausgestiegen!”

 

“Ich möchte trotzdem gerne mal noch Ihr Billett sehen.”

Sie streckt mir widerwillig ein Billett St. Gallen - Rorschach entgegen. Damit hätte sie vor zwei Stationen aussteigen müssen.

“Haben Sie auch noch ein Billett für die Strecke von Rorschach nach St. Margrethen?”

“Tüpflischiiser! Dann schreiben Sie mich halt auf.”

Unangemeldete Weiterfahrt. 100.- + 30.- + 2.40. Insgesamt 132.40 Franken für zwei Stationen. Bei der Erfassung der Personalien stellte ich dann fest, dass da eine Wiederholungstäterin vor mir steht, da in der Datenbank bereits erfasst.

Die Fahrt geht weiter und zwischen Altstätten und Buchs SG erlebe ich eine Begegnung mit einem sehr “gspässigen” Fahrgast. Sehr gepflegte Erscheinung. Macht einen seriösen Eindruck. Ist sehr höflich und brilliert mit einem sehr gutem Wortschatz. Sitzt mit dem Zweitklass-GA in der ersten Klasse und ist nicht bereit, den Klassenwechsel zu bezahlen.

Neugierig wie ich bin, wollte ich den Grund für seine fehlende Zahlungsbereitschaft in Erfahrung bringen. Seine Antwort zaubert mir einige Runzeln auf meine Stirn. Die Luzerner Zeitung habe geschrieben, dass man mit dem Zweitklass-GA keinen Aufpreis für die erste Klasse mehr bezahlen müsse, teilte er mir mit.

Nun, zu jener Zeit lief gerade die Geschichte mit dem Schwarzfahrer Jayanetti. Gut möglich, dass er da etwas falsch verstanden hat.

Ich kläre ihn darüber auf, dass nach wie vor die SBB die Regeln mache und nicht irgendein Luzerner Schundblatt. Er ist sich jedoch sicher, rein gar nichts falsch verstanden zu haben. Wir einigen uns darauf, dass ich seine Personalien erfasse und er die Rechnung per Post erhalte. Notabene mit einem Zuschlag von 30 Franken, womit er zu meinem Erstaunen einverstanden ist. Noch mehr erstaunt es mich dann, dass es sich bei ihm anscheinend NICHT um einen Wiederholungstäter handelt. In der Datenbank ist er nicht erfasst. Komische Geschichte. Komischer Mensch. Mit dem Blick, den er drauf hat, würde er gut in eine Geisterbahn passen. Die Mitarbeiter im Hollywood Tower of Terror
im Disneyland Paris haben genau den gleichen Blick drauf.

Links im Bild:  Der Rheintal - Express bei der Ausfahrt des Bahnhofes Sargans in Richtung Landquart - Chur.

Rechts ist der Regionalzug Chur - Ziegelbrücke.                Foto: Marcel Manhart

 

Anyway, die Sache war geklärt und die Fahrt ging weiter. Sargans. Nicht ganz zwei Minuten vor Abfahrtszeit. Aus dem Augenwinkel sehe ich einen grell leuchtenden gelben Regenmantel durch die erste Klasse huschen. Schenke dem jedoch keine allzu grosse Aufmerksamkeit. Drei Stationen und eine Viertelstunde weiter, zwischen Landquart und Chur betrete ich einen Wagen, den ich seit Buchs nicht mehr kontrolliert habe.

In diesem Wagen sitzt der grell leuchtende gelbe Regenmantel.

Er umhüllt eine zierliche Dame um die 40 Jahre.

“Ich muss noch ein Billett lösen.”

“Sehr gerne. Von wo nach wo geht die Fahrt?”

“Landquart Chur Halbtax einfach.”

“Landquart? Ganz sicher?”

“Ja! Wieso?”

“Sie sind sich also ganz sicher, dass sie in Landquart eingestiegen sind?”

“Was soll denn diese Frage?! Natürlich weiss ich, wo ich eingestiegen bin! Na hör mal!”

Danach verlange ich ihren Ausweis und beginne damit, die Personalien zu erfassen. Anfangs scheint es sie gar nicht gross zu kümmern, doch dann merkt sie doch, dass hier irgendwas komisch ist. Sie fragt mich, was ich da tue.

“Sie haben mir doch gesagt, Sie seien in Landquart zugestiegen, richtig?”

“Ja, bin ich auch.”

“Nur dumm, dass ich Sie bereits in Sargans habe einsteigen sehen.”

“Ach, Sargans, Landquart, da habe ich wohl etwas verwechselt. Kann ja mal passieren.”

“Sie sassen also noch nie ohne gültiges Billett in einem Zug?”

“Nein, NIE!”

“Mein Gerät sagt da etwas anderes. Sie sind in unserer Datenbank bereits erfasst. Stammkundin, könnte man da so sagen. Stammkundin der negativen Art, leider. Zweimal lügen kommt extrem schlecht. Habe ich gar nicht gerne.”

“Wie viele Millionen nehmt ihr von der Scheiss SBB jeden Tag ein??! Häää?! Und jetzt tun Sie so blöd wegen den paar Fränkli für die Fahrt von Sargans nach Landquart! Bestimmt finden Sie das auch noch geil, oder!? Gäll, Sie geilen sich jetzt gerade richtig an mir auf, geben Sie’s doch zu! Vermutlich sind Sie noch stolz auf Ihre Leistung! Wow, guuuuut gemacht, lieber Kondukteur, gaaanz gut! Jetzt hat der Chef sicher Freude!”

“So, dann müssten Sie hier unten bitte noch rasch unterschreiben.”

“Arschlöcher seid ihr! Hirnlose Arschlöcher!”

“Besten Dank und einen angenehmen Abend noch.”

Nicht unerwähnt lassen möchte ich an dieser Stelle, dass ich nebst diesen drei etwas speziellen Gestalten auch noch diverse Billette verkaufte. Alles in allem machte ich einen Umsatz im hohen dreistelligen Frankenbereich, der in etwa dem doppelten meiner “Tagesgage” entspricht. Und dass hauptsächlich innerhalb der letzten eineinhalb Stunden der Tour. Nun habe ich für die SBB doch noch rentiert. :)

 

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Kommentare: 12
  • #1

    walwer (Samstag, 11 September 2010 15:36)

    Das nächste mal kassier den Schwarzfahrer ab und schmeiß die Schlampe für die Wortmeldung "Arschlöcher" aus dem Zug!

  • #2

    D. Matter (Dienstag, 25 Dezember 2012 22:06)

    ich hoffe dass du und deine kollegen mal so richtig eine reinbekommen. ihr seid das letzte.

  • #3

    . (Freitag, 11 Oktober 2013 16:17)

    jeder sbb mitarbeiter soll selber einmal jeden tag sbb fahren & sich die ungerechten & frechen fressen der kontrolleure anhören. kein wunder dass randaliert wird etc.

  • #4

    AMDE (Donnerstag, 07 November 2013 19:06)

    Hey, in Deutschland haben es die Begleiter viel schwerer, weil zuviele Arschlöcher denken, dass ein par Km zugfahren kostenlos sei. Und sie machen nur ihren Job, der dafür sorgt, dass die Wirtschaft floriert und somit die Menschen besser leben können.

  • #5

    Beat S. (Montag, 02 Dezember 2013 03:08)

    Die Dame, mit dem grell leuchtenden, gelben Regenmantel gefällt mir am besten :)!! Ist es schlussendlich nicht eine Tatsache, das ihr "Zugbegleiter" schlichtweg alles geld-gierige versteifte Arschlöcher seit? Ich hoffe ihr werdet alle verprügelt, ganz besonders dem Verfasser dieses Textes wünsche ich dies. Den Mittelfinger hoch für euch alle Kontrolleure!!!

  • #6

    Sepp (Mittwoch, 21 Mai 2014 15:02)

    Nehmed eu gegesitig dure ihr scheiss schwarzfahrer

  • #7

    Test (Samstag, 19 Juli 2014 19:25)

    Man muss aber zugeben dass das Verhalten der meisten SBB Kontrolleure unterste Schublade ist. Absolut unangebrachte Vorgehensweisen mit Verlust jeglicher Menschlichkeit. Arschlöcher!

  • #8

    Flöru (Mittwoch, 29 Oktober 2014 17:11)

    So miese Kommentare hab ich ja noch nie gelesen!
    Ich bezahle für meine Zugfahrten und habe dadurch nie Probleme mit den Zugbegleitern. Im Gegenteil, ich finde sie nett. Dazu kommt dass man sich wenn ein Zugbegleiter dabei ist sicherer fühlt im Zug. Vor allem wenn solche Rümpel wie D. Matter, Test oder Beat S. im gleichen Zug sitzen. Eure Kommentare sind ja wohl unterste Schublade!!

  • #9

    Zugbegleiter (Montag, 08 Dezember 2014 21:14)

    Hey Matter, Test und Beat S. geht doch mal zu Fuss von St. Gallen nach Genf. In Lugano ein Kaffee trinken und wieder nach hause! Wohl haben die Zugbegleiter wegen euch so eine miese Motivation!

  • #10

    Stücheli (Mittwoch, 22 April 2015 20:51)

    Konstruktive Kritik kurz mal zusammengefasst :
    Fuck sbb , fuck die Preise, fuck das Hinterwäldler Personal, fuck den sbb Schalter, welches im 21. Jahrhundert nichts digitales erledigen kann, beziehen ihre paar Franken aus der Steuer und ziehen trotzdem die Leute lächerlich im Budget und ihrer Zeit ab.

  • #11

    Jason (Mittwoch, 27 April 2016 21:27)

    Nachdem ich alles gelesen habe muss ich wirklich mal fragen warum eigentlich Schwarzfahren ? Wenn man Einkaufen geht klaut man ja auch keine Tiefkühl-Pizza oder 1 Kg Brot also warum kein Ticket lösen, verstehe ich nicht. Die Zugbegleiter machen das ja auch nicht einfach zum spass. Stellt euch mal vor dass diese Geschichte sich 5 mal am Tag wiederholt, jeder der den Mitarbeiter verarschen will, jeder der Frech ist. Dann beschwert man sich über diese Leute obwohl sie nicht geflucht oder Gewalt angewendet haben. Dann kauft euch mal Auto so habt ihr kein Problem, ganz einfach. Bisschen Mensch sein...

  • #12

    tomas (Dienstag, 07 März 2017 17:49)

    Kontrolleure sind WIXER und die SBB auch