Mo

20

Apr

2009

Rückläufige Frequenzen gefährden Berns TGV-Anschluss

Mit Hochgeschwindigkeit ins Abseits? Der Rosshäuserntunnel soll neu gebaut werden, um Berns TGV-Anschluss zu erhalten. Doch die Zukunft dieser Verbindung ist ungewiss. Politiker zweifeln deshalb am Nutzen des Projekts.

Wegen rückläufiger Frequenzen steht Berns TGV auf der Kippe. Die Betreiber erwägen, eine der beiden täglichen Direktverbindungen zu streichen oder mittelfristig ganz darauf zu verzichten, wie der «Bund» publik machte. Trotzdem machen die BLS und der Bund nun vorwärts: Bereits im nächsten Jahr soll für 100 Millionen Franken mit dem Ausbau der Strecke Bern-Neuenburg begonnen werden. Dies ist Teil des Berner Anschlusses an den Hochgeschwindigkeitsverkehr (HGV). Zwischen Rosshäusern und Gümmenen soll ein zwei Kilometer langer Tunnel neu gebaut werden. Das Bundesamt für Verkehr (BAV) rechnet mit der Inbetriebnahme frühstens ab 2014. Dies sei der «sinnvollste Ausbau», um Reisezeit zu gewinnen – und solle den Berner TGV erhalten.

100 Millionen und kein TGV?
Pikant: Die Zukunft des direkten TGV von Bern und Neuenburg nach Paris ist ungewiss. Möglicherweise fahren gar keine TGVs mehr über diese Strecke. Die Verbindung hat bei der Betreiberin Lyria, einer Tochtergesellschaft der SNCF und der SBB für den Verkehr nach Frankreich, keine Priorität. 2008 ging die Nachfrage ab Bern um fünf Prozent zurück. Immer wichtiger wird dank neuen Linien in Frankreich stattdessen die Verbindung über Basel und Strassburg. 2011 kommt eine weitere TGV-Linie von Mülhausen nach Dijon hinzu, welche die Fahrzeit über Basel auch für Berner nochmals um eine halbe Stunde verkürzen wird – an deren Baukosten sich die Schweiz notabene mit 100 Millionen beteiligt. Schon heute stammen laut Lyria gegen 12 Prozent der Basler TGV-Passagiere aus Bern. Im französischen Jura wird der Berner TGV trotz kleinen Ausbauten mangels Neubaustrecken nie viel schneller werden. Für Lyria ist die Verbindung denn auch zu langsam. 

Die Ausbauten zwischen Bern und Neuenburg sollen alle zwei Stunden einen TGV von Bern nach Paris ermöglichen, schreibt das BAV auf seiner Homepage. Nur: Offenbar existiert gar kein Bedarf für solch häufige Verbindungen zwischen den Hauptstädten; der lukrativere Zürcher TGV fährt via Basel. Die Nachfrage werde entscheiden, ob der TGV Bern–Paris wirtschaftlich sei und durch Lyria betrieben werde, heisst es beim BAV auf Anfrage. Selbst ohne direkten TGV von Bern würde es einen Nutzen geben: Die Fahrt mit Umsteigen auf den Lausanner TGV in Frasne sei nach dem Ausbau noch immer um eine Viertelstunde schneller.

Prall gefüllter Bundestopf
Die Gelder für den HGV-Anschluss der Schweiz bewilligte das eidgenössische Parlament 2005. Der Berner CVP-Nationalrat Norbert Hochreutener steht zwar weiter hinter dem Projekt, verlangt aber von Lyria eine «gewisse Sicherheit», dass auch tatsächlich TGV über die Strecke rollen werden. Er sei überzeugt, dass es bei den Projekten für den HGV-Anschluss noch zu Korrekturen kommen werde. Im Parlament hatte er ein «ungutes Gefühl», wie er sagt. Denn nach intensivem Lobbying der Kantone verdoppelte das Parlament das Geld für den HGV-Anschluss praktisch auf 1,1 Milliarden Franken – der Bundesrat wollte nur rund 660 Millionen einsetzen. Falls kein Bedarf für den TGV von Bern nach Paris bestehe, will Hochreutener die 100 Millionen für den Ligerztunnel zwischen Biel und Neuenburg einsetzen. Auch der Neuenburger FDP-Ständerat Didier Burkhalter, Lobbyist für den Berner und Neuenburger TGV-Anschluss, erachtet den Ausbau der Linie im Hinblick auf die Lyria-Pläne als problematisch. Gleichzeitig relativiert er: «Wenn wir die Strecke nicht ausbauen, glauben wir selber nicht mehr an die Zukunft. Das wäre fatal.»

Primär regionaler Nutzen
Die grossen Nutzniesser des Ausbaus von Bern nach Neuenburg sind die Kantone Bern und Neuenburg sowie der S-Bahn-Verkehr der BLS. In einer schriftlichen Stellungnahme schreibt das BAV von einem «doppelten Nutzen», weil neben dem TGV für die Kantone Bern und Neuenburg schnelle Zusatzverbindungen möglich würden. Zudem könnten Synergien genutzt werden, denn die Sanierung des bestehenden Rosshäuserntunnels von 1901 würde laut BAV auch 30 Millionen Franken kosten – dieser muss ohnehin saniert werden.

Der Kanton Bern komme für einen Teil der Baukosten auf, sagt Wolf-Dieter Deuschle, Leiter des kantonalen Amts für öffentlichen Verkehr. Von den 130 Millionen für den Tunnel gingen 30 Millionen zulasten des Regionalverkehrs. Diese teilen sich wiederum der Kanton Bern und der Bund. Die 30 Millionen sind allerdings nur ein Bruchteil der Kosten – mit 100 Millionen Franken geht ein Grossteil zulasten des HGV-Anschlusses. Laut Deuschle war die Voraussetzung für die HGV-Finanzierung nicht die Direktverbindung. Dies zeigten andere Zubringerstrecken zum HGV-Netz – etwa im sankt-gallischen Rheintal, sagt er. Der Kanton Bern lege jedoch Wert auf die umsteigefreie Verbindung von Bern nach Paris. Zudem sei der TGV für Neuenburg «lebensnotwendig». Im Mai will die BLS nun das Projekt auflegen. Die vier Kilometer lange Neubaustrecke mit dem Rosshäuserntunnel soll mit 160 Kilometern pro Stunde befahrbar sein und vor dem Saanenviadukt enden.

Intensives Lobbying bei Lyria
Die SBB ihrerseits wollen keine Stellung beziehen. 2005 bezeichnete der damalige SBB-Chef Benedikt Weibel den Ausbau aber als unnötig – drei TGV-Verbindungen von der Schweiz nach Frankreich genügten vollauf. Politisch dürfte der Ausbau noch nicht erledigt sein. Bereits 2005 wollte der Oberländer SVP-Grossrat Gerhard Fischer in einer Interpellation vom bernischen Regierungsrat wissen, ob er sich mit dem HGV-Anschluss ins «französische Nirwana» geplant habe. Im Juni will die SVP-Fraktion nun dieses Thema bei einem Treffen mit Verkehrsdirektorin Barbara Egger (sp) erneut zur Sprache bringen. Didier Burkhalter und die Neuenburger Regierung treffen sich in diesen Tagen mit Lyria zur Aussprache. Deuschle will derweil die Auslastung des Berner TGV analysieren. Und er verlangt bessere Fahrzeiten: «Kein Tourist will morgens um fünf Uhr aufstehen», sagt er im Hinblick auf die frühe Abfahrzeit des Berner TGVs in Paris.

 

 

Wie lange noch? Ein TGV von Paris nach Bern rauscht durch den veralteten Bahnhof von Rosshäusern.                                   Foto: Franziska Scheidegger

 

 

Mehr zum Thema: Überrissener Bahnausbau

 

Das lässt aufhorchen: Für mehr als 100 Millionen Franken wollen der Bund und die BLS die Linie Bern–Neuenburg ausbauen und damit Berns TGV-Anschluss sicherstellen. Doch die Zweifel nehmen zu, ob es den Ausbau in dieser Form braucht. Denn just die Zukunft des Berner TGV ist ungewiss. Laut seiner Betreiberin ist der TGV durch den Jura zu langsam – und wird trotz Ausbauten auch nie viel schneller werden. Im Verkehr in die Schweiz setzen die Franzosen längst voll auf neue Linien über Strassburg–Basel, Genf und ab 2011 über Belfort. Bern gerät ins Abseits. Schon heute ist die Verbindung mit Umsteigen in Basel für Berner schneller – und wird bald noch attraktiver. Es wäre billiger, TGVs ab Bern via Basel anzubieten, die erst noch schneller sind.

Jetzt wird klar, dass es sich beim Projekt um einen Etikettenschwindel handelt, wie die SBB schon 2005 sagten. Denn der Ausbau der Linie ist weniger für den Anschluss der Schweiz an den TGV entscheidend, sondern nützt primär dem Regionalverkehr von Bern nach Neuenburg. Dort wurden jahrelang Ausbauten versäumt. Nun sollen sie aus dem Hochgeschwindigkeitstopf des Bundes berappt werden. Bern ist dabei kein Einzelfall. Dies veranschaulicht das Dilemma der Schweizer Verkehrspolitik: Im Ringen um die Gelder aus dem Hochgeschwindigkeitstopf äusserten die Kantone Sonderwünsche. Um das Paket durchzubringen, drückte das Parlament die Augen zu – mit massiven Kostenfolgen. Es ist noch nicht zu spät: Im Interesse der gesamten Verkehrspolitik muss überprüft werden, ob der teure Ausbau in dieser Form tatsächlich nötig ist. Denn die Zeche für Bahnausbauten zahlen letztlich auch die Kunden – schon mit der nächsten Tariferhöhung.

 

 

UPDATE vom 01. Mai 2009:

Nur noch eine TGV-Verbindung von Bern nach Paris

 

Ab kommendem Dezember verkehrt ab Bern nur noch ein TGV-Zugpaar nach Paris. Das zweite Zugpaar hat die Betreibergesellschaft wegen mangelnder Nachfrage gestrichen. Ausgebaut wird hingegen das Angebot auf der Strecke Basel-Paris. 

Dass die Nachfrage auf der Berner Linie sinken würde, war nach der Inbetriebnahme der Hochgeschwindigkeitsverbindung TGV Ost, Basel- Paris, erwartet worden. Die Betreibergesellschaft TGV Lyria versuchte mit Marketingmassnahmen, das Angebot auf der Berner Linie anzukurbeln, allerdings nur mit mässigem Erfolg.

2008 nutzten rund fünf Prozent weniger Reisende die Strecke von Bern via Neuenburg nach Paris, wie TGV Lyria am Freitag mitteilte. Die Auslastung der Züge betrug noch zwischen 29 und 32 Prozent.

Konkurrenz durch Flugverkehr
TGV Lyria vermutet zudem , dass auch die Konkurrenz durch zwei tägliche Flugverbindungen ab Bern-Belp zu einem zusätzlichen Passagierrückgang bei der Bahn geführt haben könnte.

Ab dem Fahrplanwechsel im kommenden Dezember wird deshalb die Abendverbindung ab Bern (17.23 Uhr) und morgens ab Paris (7.58 Uhr) aufgehoben. Bestehen bleibt die Verbindung morgens ab Bern, abends ab Paris.

Viele Berner reisen via Basel
Die Strecke Basel-Paris hingegen verzeichnet regen Zulauf. Die Auslastung auf den vier täglichen Zugspaaren betrug rund 75 Prozent. Nach Angaben von TGV Lyria sind unter den Reisenden auch viele aus dem Kanton Bern, nämlich gut 11 Prozent.

Dieser Trend dürfte sich künftig weiter verstärken, rechnet TGV Lyria. Ab Dezember schickt die Betreiberin auf der Strecke (Zürich- )Basel-Paris ein fünftes Zugpaar auf die Reise.

Deutlich kürzere Reisezeit ab Basel
2011 wird sich die Reisezeit auf der TGV-Ostlinie nochmals um gegen eine halbe Stunde verkürzen. Das heisst, die Reise von Basel nach Paris dauert dann nur noch drei Stunden und ist damit deutlich kürzer als über Bern.

Die TGV-Ostlinie zwischen Paris und Strassburg und von dort weiter, unter anderem nach Basel, war seit ihrer Inbetriebnahme im Jahr 2007 bei den Reisenden sehr beliebt. Im vergangenen Jahr benutzten insgesamt 3,8 Mio Fahrgäste die TGV-Züge zwischer der Schweiz und Frankreich, ein Plus von zehn Prozent.

 

 

Kanton wehrt sich gegen TGV-Abbau Bern-Paris

 

Der Kanton Bern will sich nicht mit dem geplanten Abbau der TGV-Verbindungen Bern – Paris zufrieden geben. Regierungspräsidentin Barbara Egger-Jenzer fordert SBB-CEO Andreas Meyer auf, das heutige Angebot von täglich zwei Zügen pro Richtung beizubehalten. 

Der Kanton Bern wurde am Donnerstag von der TGV-Betreiberin Lyria (gemeinsames Unternehmen von SBB und SNCF) darüber informiert, dass auf der TGV-Linie Bern – Paris ein Zug pro Richtung gestrichen wird. Die Nachfrage auf dieser Verbindung sei im letzten Jahr zwar leicht zurück gegangen, allerdings etwa im gleichen Umfang wie das Angebot, welches Ende 2007 um 15 Prozent reduziert wurde. Die Züge zwischen Bern/Lausanne und Paris seien etwa gleich gut ausgelastet wie zwischen Zürich/Basel und Paris, teilt der Kanton mit.

Die von den SBB genannte tiefe Auslastung von 29 bis 32 Prozent betreffe nicht die Gesamtstrecke, sondern lediglich die Teilstrecke Neuenburg - Bern. Auch die Teilstrecken Vallorbe - Lausanne und Mulhouse - Basel würden unterdurchschnittliche Auslastungen aufweisen.

Wichtig für kantonale Wachstumsstrategie
Erfreut ist der Kanton darüber, dass die TGV-Verbindung Bern – Neuenburg - Paris nicht grundsätzlich in Frage gestellt ist. Diese Verbindung sei für den Kanton Bern von grosser Bedeutung und die Verbesserung der internationalen Anbindung des Kantons ein Ziel der kantonalen Wachstumsstrategie.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0