So

10

Mai

2009

Eine kurze Geschichte des Vermessens - von Metern und Sekunden

Buch-Tipp:
Lorie Karnath, G. Terry Sharrer, "Eine kurze Geschichte des Vermessens",

übersetzt von Ursula Bischoff, Herbig Verlag.

Messungen strukturieren die Welt. In einem Universum, das nach Regeln funktioniert, die der Mensch nicht versteht, suchte er seit Urzeiten nach etwas, an dem er sich festhalten konnte. Und Zahlen geben Sicherheit. Lange Zeit waren die Ergebnisse der Messungen äußerst ungenau. Entfernungen wurden beispielsweise willkürlich in der Schrittlänge eines Menschen angegeben; die Zeit durch das Herunterbrennen einer Kerze gemessen.

Erst mit der Entwicklung des Handels fand ein systematischer Ansatz Verbreitung. So waren die Zeiten bis ins 18. Jahrhundert von Ort zu Ort verschieden. Der breiten Bevölkerung wurde dies erst im Zeitalter der Eisenbahnen und Telegrafen bewusst. Mit der Ausbreitung der Eisenbahnnetze und mit dem steigenden Verkehr sahen sich die Eisenbahnverwaltungen genötigt, im Interesse des Dienstes besondere "Eisenbahn- und Normalzeiten" einzuführen.

Ob es uns gefällt oder nicht, in Industriegesellschaften wird das Leben der Menschen weitgehend von Zahlen "gesteuert" - zum Beispiel Geschwindigkeitsbegrenzungen beim Autofahren, Werte für Serumcholesterin, Immobilienbesitz, Backzeiten und -temperaturen – Zahlen, denen immer Messungen zugrunde liegen.

 

Wie spät ist es?
Die Messung der Zeit war für die Menschen seit jeher ein wichtiges Anliegen. Die Lebenszeit ist begrenzt, und man wollte wissen, wie schnell die Zeit verging. Die ältesten nachgewiesenen Zeitmessungen fanden vor etwa 20.000 Jahren statt. Dazu wurden Stäbe verwendet, deren Markierungen die Anzahl der Tage zwischen den Neumonden anzeigte. Die Errechnung der Daten für religiöse Feiertage war ein weiterer Motor für den Wunsch, die Zeit einteilen zu können. Im 14. Jahrhundert hielten dann die ersten mechanischen Uhren in Europa Einzug. Nachgewiesen sind Schlag- und Räderuhren aus dem Jahre 1325 in der Kathedrale von Norwich und 1354 in der Kathedrale von Straßburg.

Die Fähigkeit des Vermessens änderte auch die Art und Weise, wie die Menschen ihren eigenen Planeten wahrnahmen. Lange Zeit galt die Erde als Scheibe. Wenig verwunderlich, gab es doch keine verlässlichen Messgeräte und an den meisten Orten der Welt ließ sich mit bloßem Auge keine Krümmung der Erde erkennen.

Aristoteles war zwar nicht der erste, der den Verdacht äußerte, die Erde sei rund, aber man schreibt ihm die ersten stichhaltigen Argumente zu, die diese Sichtweise untermauerten. Er beobachtete unter anderem, dass die Eklipse des Mondes kreisförmig war, dass Schiffe, die aufs Meer hinausfuhren, zu verschwinden schienen, wenn sie über die Horizontlinie gelangten, und dass man einige Sterne nur in bestimmten Regionen der Erde sehen konnte.

 

Zahlreiche Kapitel
Auf knapp 250 Seiten versuchen Lorie Karnath und G. Terry Sharrer die Geschichte des Vermessens abzuhandeln. Sie schreiben über Zeitmessung ebenso wie über Kartografie und Börsenindizes, Demografie und Wirtschaftsmetrik. Das Problem, das sich hier stellt, ist evident. Um wirklich in die Tiefe zu gehen, müsste man über jedes Kapitel ein eigenes Buch verfassen. Die Geschichte des Geldes zum Beispiel wird auf nicht einmal vier Seiten abgehandelt. Kaum ist man im Königreich Lydia angelangt, in dem erstmals Gold- und Silbermünzen geprägt wurden, ist man auch schon im Jahre 1971 angekommen, in dem die USA sich vom Goldstandard verabschiedeten.

Wie kann man Gefühle messen,

die Liebe oder anderen Empfindungen zugrunde liegen?
Auch diese zutiefst philosophische Frage wird auf vier Seiten abgehandelt, dazwischen wird noch "Liebe als Therapie" beschrieben.

 

Zahlen, Daten und Fakten
Mit ihrer "kurzen Geschichte des Vermessens" begehen die Autoren genau jenen Fehler, den man Statistiken gerne vorwirft. Hier wird mit einer Unmenge von Zahlen, Daten und Fakten hantiert, aber sie werden in keinen Kontext gestellt. Über Frederick W. Taylor heißt es da:

Er gelangte zu der Schlussfolgerung, dass es für jede Tätigkeit die "richtige Bewegungsabfolge" gab. Dadurch, dass er die optimale Handhabung von Arbeitsprozessen herausfand, verpflichtete er sich die führenden Industriellen zu großem Dank und wurde zum "Vater der wissenschaftlichen Betriebsführung" ernannt.

Das ist alles richtig, aber der wesentliche Aspekt, nämlich die Frage, wie Taylors Rationalisierungsbestrebungen die Wirtschaft und die Arbeitsabläufe veränderten, wie durch seine Messungen der Kapitalismus an sich eine andere Form bekam, all das wird nicht erläutert.

Man muss "Eine kurze Geschichte des Vermessens" als vertane Chance sehen. Hier wurde zu viel gewollt, was zur Folge hat, dass nur wenig herauskam. Oder um es mit einer vermeintlich objektiven Zahl zu sagen: vier von zehn möglichen Punkten.

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