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20

Feb

2009

Offensive bei Handy-Antennen - Neue Verstärker in SBB-Zügen?

Selten war die Verbindungsqualität bei Gesprächen oder beim Arbeiten im Internet für Reisende so schlecht wie heute. Nun bauen Swisscom, Orange und Sunrise über 1000 Antennen.

Auf längeren Zugfahrten wiederholt sich die Szene mehrmals: Reisende, die das mobile Internet nutzen, fluchen plötzlich leise vor sich hin. Praktisch zeitgleich rufen Mobiltelefonierende ein verzweifeltes: «Hallo? Hörst du mich?» ins Telefon - vergeblich, ihre Verbindung ist unterbrochen.

Selten war die Verbindungsqualität im Mobilfunk so schlecht wie in den letzten Monaten. Doch es sind nicht bloss Funklöcher in den Netzen von Swisscom, Orange und Sunrise, wie die meisten vermuten. Die Mobilfunknetze sind schlicht und einfach an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt, denn:

• Neue Billigabos liessen den Sprachverkehr explodieren. Bei Sunrise beispielsweise hat sich dieser im vergangenen Jahr verdoppelt.
• Der Boom der mobilen Alleskönner wie iPhone oder HTC-Touch sorgt für massiv mehr Datenverkehr.
• Aufgrund der strengen Grenzwerte in der Schweiz sendet eine hiesige Sektorantenne mit relativ geringer Leistung und kann im Schnitt maximal 50 bis 60 Verbindungen gleichzeitig versorgen. Telefonieren mehr Personen oder wird der Datenverkehr zu gross, ist das Netz überlastet, die Verbindung bricht ab.
• Die Funktechnik von GSM (altem Mobilfunkstandard) und UMTS (neuer Standard) ist unterschiedlich. Das hat Folgen auf die Abdeckung, insbesondere dann, wenn Mobilfunknutzer von einer Funkzelle zur nächsten rollen. Dann kann es vor allem beim im Aufbau befindlichen UMTS-Netz zu Unterbrüchen kommen, weil die Zellen nicht mehr nahtlos aneinander anschliessen.

Neue Verstärker in Zügen?
Nun werden die Netzbetreiber aktiv: In den kommenden Monaten bauen Swisscom, Sunrise und Orange über 1000 neue Antennen, um des Problems Herr zu werden. Sunrise-Manager Roger Schaller bestätigt: «Wir verdoppeln dieses und nächstes Jahr den Rollout im Antennenbau.» In den vergangenen Jahren baute Sunrise jährlich 200 bis 250 neue Antennen. Für die Jahre 2009 und 2010 kommt Sunrise also auf je rund 500 neue Antennen. Das sind grosse Investitionen: Eine Mobilfunkantenne kostet gemäss den Betreibern im Schnitt um die 200000 Franken. 

Auch Orange legt beim Ausbau zu: «Wir haben für dieses Jahr den Bau und die Inbetriebnahme von rund 400 neuen Antennen bzw. das Aufrüsten bestehender Antennen geplant», sagt Orange-Sprecherin Therese Wenger. «Im Vergleich zum Vorjahr nehmen wir rund 10% mehr neue Antennen in Betrieb.» Gesamthaft betreibt Orange zurzeit rund 4600 Mobilfunkanlagen. Um Verbindungsprobleme auf SBB-Strecken zu beheben, wird hier gezielt ausgebaut. «Wir erstellen in diesem Jahr verstärkt Mobilfunkanlagen, um die Tunnelversorgung auf der Neubaustrecke Olten-Bern und die Versorgung Lausanne-Bern weiter zu verbessern», erklärt Sprecherin Wenger.

Und selbst Marktleaderin Swisscom rüstet auf: «Wir werden dieses Jahr etwa 270 neue Standorte in Betrieb nehmen», sagt deren Sprecher Olaf Schulze. Insgesamt betreibt die Swisscom mit 5300 Antennen die meisten Stationen. Wie ihre Konkurrenten baut auch sie gezielt neue Antennen entlang der SBB-Linien.

Eine erste Entspannung dürfte sich für die Kunden also bald abzeichnen. Auch der weitere Ausbau des neuen Mobilfunkstandards UMTS verbessert die Verbindungsqualität, weil die Gespräche auf zwei Netze verteilt werden können - das bisherige GSM-Netz bleibt ja in Betrieb. Zudem prüfen die Netzbetreiber eine Erneuerung der Repeater in SBB-Wagen. Seit einigen Jahren sind rund 1100 Bahnwagen mit GSM-Repeater ausgerüstet. Diese empfangen das Funksignal und verteilen es im Zug. Diese Geräte müssen nun ersetzt werden. 

Gemäss Swisscom-Sprecher Schulze wird der Einbau eines technisch neueren Modells, eines sogenannten GSM-UMTS/HSPA Repeaters, angestrebt. Schulze: «Die Mobilfunkbetreiber arbeiten zurzeit an der Evaluation für die Beschaffung solcher Systeme. Die Machbarkeit für die Integration dieser Systeme in Bahnwagen wird ab diesem Sommer mit den SBB geprüft.» Ob man tatsächlich neue Repeater einbaut, ist derzeit noch völlig unsicher. Und selbst wenn, wird der Einbau in Bahnwagen und Kompositionen gemäss Schulze «Jahre brauchen, da die Bahnwagen einzeln ausgerüstet werden müssen.»

Einsprachen verzögern Ausbau
Beim Netzausbau kommen Swisscom & Co. zudem seit jeher nicht so schnell voran, wie sie möchten. Obwohl in einem ersten Schritt einfach die meisten der heute rund 12000 GSM-Antennen mit UMTS aufgerüstet werden, können Anwohner dagegen Einsprache erheben.
Bei der Swisscom wird gegen 16% der neuen Antennen Einsprache erhoben. Bei Orange sind es gemäss Sprecherin Wenger sogar 70 bis 80%. «Dabei kommt es bei 30 bis 35% der Antennenbauvorhaben zu Gerichtsverfahren.»
Ähnliche Erfahrungen hat Sunrise gemacht. Die Einsprachen befänden sich seit Jahren auf hohem Niveau, sagt Schaller. Zu Gerichtsverfahren komme es in rund 20% der Fälle. Bis ein solcher Streit beigelegt ist, kann es Jahre dauern.
Eine Sofortmassnahme können Pendler gemäss Sunrise-Manager Schaller aber auch ohne neue Antennen ergreifen: «Setzen Sie sich in die vorderen Zugwagen. So werden Sie früher von einer Funkzelle in die nächste überführt. Ist diese Zelle dann ausgelastet, haben Reisende in den hinteren Wagen das Nachsehen.»

 

Was hinter den Internet- und Mobilkommunikation- kürzeln steckt:

WLAN
Wireless Local Area Network bezeichnet ein drahtloses, lokales Funknetz. In der Schweiz existieren derzeit mehr als 1000 öffentliche Access-Points (Hotspots) des öffentlichen WLAN-Netzes (Public WLAN). Bei den WLAN-Hotspots sind Bandbreiten bis 2 Megabit pro Sekunde möglich.


HSDPA
High Speed Downlink Packet Access bezeichnet ein leis-tungsfähiges Übertragungsver-fahren des Mobilfunkstandards UMTS. HSDPA bietet Bandbreiten bis zu 1,8 Megabit pro Sekunde.

UMTS
Universal Mobile Telecommunication System steht für einen Mobilfunkstandard mit deutlich höherer Datenübertragung als bei Global System for Mobile Communications (GSM).

 

EDGE
Diese Technologie ist eine Weiterentwicklung von GPRS und heisst Enhanced Data Rates for GSM Evolution. Geschwindigkeiten von bis zu 256 Kilobit pro Sekunde sind möglich (zum Vergleich: Via ISDN erreicht man eine Bandbreite von höchstens 64 kBit/s).

 

GPRS
Der General Packet Radio Service beruht wie EDGE auf GSM, dem Standardnetz. GPRS bietet Bandbreiten bis zu 115 Kilobit pro Sekunde. Damit liegt GPRS zwischen EDGE und GSM.

 

GSM
Global System for Mobile Communication ist der weltweit häufigste Standard für Mobiltelefone und -netze. Er eignet sich vorwiegend für Sprachübertragung, aber auch kleine Datenmengen (maximal 9,6 kBit/s). Über GSM lassen sich via Upgrades Geschwindigkeiten bis zu 256 KBit/s erzielen (siehe EDGE).

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