Sturmtief Quinten rüttelt und schüttelt die Nordschweiz

Das Sturmtief Quinten zog im Laufe des Dienstags über die Nordschweiz. Die Böen erreichten Spitzengeschwindigkeiten von über 150 Kilometern pro Stunde. Diese Werte liegen jedoch weit unter jenen, die während des Jahrhundertorkans am 26. Dezember 1999 gemessen worden waren. 

Äusserst spektakulär verlief ein Zwischenfall im Hafen Birsfelden BL: Durch eine Windböe gerieten im Containerterminal mehrere leere Container aus dem Gleichgewicht, stürzten in die Tiefe und zum Teil auf das Trassee der Hafenbahn. Verletzt wurde glücklicherweise niemand.

 

Fotos: Hafenpolizei 

Ein heftiger Wintersturm fegte am heutigen Dienstag mit Böengeschwindigkeiten von teilweise mehr als 150 km/h über die Nordschweiz und den südlichen Schwarzwald. Auf der Gefahrenkarte von Meteo Schweiz wurde für den Jura die Stufe Orange ausgegeben; das heisst, dass es sich um einen so heftigen Sturm handelt, wie er in der betreffenden Region nur einmal alle 1 bis 3 Jahre auftritt. Für die restliche Alpennordseite mit Ausnahme von Graubünden die Gefahrenstufe Gelb. Das bedeutet, dass ein solches Ereignis 2 bis 10 Mal pro Jahr und Region auftritt und Wettererscheinungen mit sich bringt, die am Rand des für die Jahreszeit üblichen Intensitätsbereiches liegen. Letztmals war die Stufe Gelb in der Nordschweiz beim Durchzug des Sturmtiefs Joris vom 23. Januar dieses Jahres ausgegeben worden.

147,6 km/h auf dem Üetliberg
Die Schweiz liegt am südlichen Rand des Sturmtiefs Quinten, das vom Ärmelkanal langsam Richtung Nordostdeutschland zieht. Sein Zentrum befand sich laut Bernd Konantz vom Wetterdienst der Meteo Schweiz am Vormittag über den Niederlanden. Am Ärmelkanal wurden Böen mit Geschwindigkeiten zwischen 70 und 90 km/h gemessen. Weiter entfernt vom Zentrum sind die Sturmwinde stärker. So erreichte Quinten am Vormittag Windspitzen von 115,6 km/h bei Basel, 123 km/h in Delémont, 142 km/h auf dem Chasseral und 157,7 bei der Turmstation Chrischona bei Basel über den Jura. Am Neuenburger- und Genfersee wurden Werte zwischen 70 und knapp 100 km/h registriert.

Die Station Plaffeien im Freiburgischen meldete 139,7 km/h, auf dem Napf waren es 133,6 km/h, und auf dem Feldberg im südlichen Schwarzwald wurde sogar eine Böe mit 166 km/h gemessen. In Kloten lag die bisherige Böenspitze bei 108,4 und im Reckenholz im Zürcher Unterland sogar bei 109,1 km/h. Von der Lägeren wurden am Vormittag 128,2 km/h gemeldet. Bei der Turmstation Bantiger waren es 158,8 km/h, auf dem Üetliberg 147,6 km/h, auf dem Bargen im Kanton Schaffhausen 115,6 km/h und auf dem Hörnli im Zürcher Oberland 127,1 km/h.

Das sind alles Werte, die weit unter jenen liegen, die beim Jahrhundert-Orkan Lothar vom 26. Dezember 1999 gemessen worden waren. Lothar erreichte auf dem Üetliberg 241 km/h und auf dem Jungfraujoch 249 km/h. Im Zürcher Oberland wurden Windgeschwindigkeiten von bis zu 160 km/h gemessen, und auf dem Hohentwiel bei Singen knapp nördlich der Grenze zu Deutschland registrierte die Messstation an jenem zweiten Weihnachtstag 1999 sogar eine Böenspitze von 272 km/h.

Wegen auf Strassen gestürzten Bäumen und auf Schienen oder Fahrleitungen gewehten Gegenständen kam es zu einigen Verkehrsbehinderungen. Vielenorts stehen die Feuerwehren bei der Behebung kleinerer Unwetterschäden im Einsatz; alleine im Kanton Bern wurden gegen 100 Ereignisse gemeldet. Die Behörden warnen vor Waldspaziergängen und rufen zur Sicherung von Baugerüsten, Dekoration und mobilen Reklametafeln auf.

In Unterägeri wurde ein Mann von einem Baum erschlagen

In der Zuger Gemeinde Unterägeri wurde heute ein Gemeindearbeiter von einem Baum erschlagen. Vier Mitarbeiter des Werkhofs Unterägeri waren um 10.40 Uhr aufgeboten worden, um einen Baum zu entfernen, der auf den Höhenweg gestürzt war. Als die Arbeit gegen 11 Uhr beendet war, brach im angrenzenden Grundstück ein rund 15 Meter langes Stück einer Fichte ab und stürzte auf den 38-jährigen Mann. Trotz sofortiger Reanimation verstarb er noch auf der Unfallstelle. Für die Hinterbliebenen und die Mitarbeitenden war ein Care-Team im Einsatz.

Zwei Kinder in Aarau verletzt
In Aarau wurden ausserdem zwei sechsjährige Mädchen von einem umgestürzten Baum getroffen. Ein Mädchen erlitt Beinbrüche, das zweite zog sich eine Hirnerschütterung zu. Die Mädchen waren zusammen mit ihrer Kindergärtnerin spazieren gegangen. Sie wurden von einem alten Baum getroffen, den der Sturm entwurzelt hatte. Die anderen Kinder der Gruppe kamen unverletzt davon.

Verletzte auch im Gebiet Zürich
Doch auch in anderen Gebieten der Schweiz wütete «Quinten»: In Adliswil ZH wurde ein Bauarbeiter an den Beinen verletzt, nachdem sich auf einer Baustelle ein schweres Schalelement losgerissen hatte und gegen den Arbeiter geschleudert wurde. In Zürich wurde eine Person von einer umherwirbelnden Signalisationstafel leicht verletzt.

Stromunfälle im Kanton Freiburg

Im Kanton Freiburg starben vier Kühe in ihrem Stall in Mossel an einem Stromschlag, als eine Strom- auf eine Wasserleitung fiel. In Düdingen FR fing ein Baum Feuer, nachdem ein Strommast auf ihn gestürzt war.

Glück im Unglück in Reinach (BL)

Glück im Unglück hatten zwei Insassen eines Kleinbusses in Reinach BL. Wenige Meter vor dem Fahrzeug stürzte eine grosse Platane auf die Strasse. Der 49-jährige Lenker konnte zwar noch bremsen, kollidierte aber heftig mit dem Baum. Verletzt wurde niemand.

Über 20 Durchstartmanöver
Auf den Flughäfen Zürich-Kloten und Basel-Mülhausen mussten am Dienstagmorgen mehrere Flüge von und nach Paris gestrichen werden. Grund der Annullierungen waren jedoch nicht lokale Sturmprobleme, sondern die Schliessung der Pariser Flughäfen Charles de Gaulle und Orly. In Zürich-Kloten wurden zudem über 20 Durchstartmanöver verzeichnet. Ein Teil der Flugzeuge steuerte daraufhin einen anderen Flughafen an, der Rest landete im zweiten Anlauf. Wie bei Sturmsituationen üblich, wurde in Kloten auf den Ostanflug ausgewichen.

Haushalte ohne Strom
Überall in der Schweiz standen die Rettungskräfte pausenlos im Einsatz. Umgestürzte Bäume oder Erdrutsche blockierten Strassen oder Geleise. Tausende Haushalte blieben wegen gekappten Stromleitungen mehrere Stunden ohne Strom. Bauabschrankungen und Velos fielen vielerorts gleich im Dutzend um. Feuerwehren mussten lose Ziegel, Blechverkleidungen oder Kamine sichern. Der Betrieb vieler Bergbahnen und Schiffskurse wurde eingestellt. An einigen Orten traten Bäche über die Ufer. Die Polizei warnte vor Spaziergängen im Wald.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0