Ein typischer Arbeitstag eines SBB-Zugbegleiters

Vor einigen Tagen fuhr ich zum ersten Mal nach Brig, durch den Lötschbergbasistunnel. Abgesehen von der für mich neuen Strecke (die ich bisher nur aus der Theorie und den Unterlagen kannte) gestaltete sich die Tour ganz durchschnittlich; nur der Beginn hätte ein bisschen weniger dramatisch sein können…

 

Das Ehepaar mit dem Kinderwagen
Abfahrtszeit wäre um 13:09 Uhr gewesen, nun war es bereits 13:10 Uhr. Der Zug aus St. Moritz traf mit einer geringfügigen Verspätung in Chur ein, doch die Passagiere realisierten alle, dass sie nun schnell umzusteigen haben, damit unser Zug pünktlich abfahren kann (und sie noch mitfahren können).

Alle realisierten das? Nein, eben leider nicht! Da gab es diese Familie, die doch tatsächlich das Gefühl hatte, alle anderen Fahrgäste (um die 200 Personen) müssten auf sie warten, bis auch sie ihren Lieblingsplatz gefunden hatten.

Denn obwohl der Zug nur zu etwa einem Viertel gefüllt war, liefen sie den ganzen Zug entlang, an 6 Wagen vorbei in Richtung Zugsende. Das Ehepaar war mit einem Kinderwagen unterwegs und als sie auf Höhe des doppelstöckigen Familienwagens waren (in welchem es extra viel Platz für Kinderwagen hat), rief ich ihnen zu, sie sollen doch bitte einsteigen, damit wir abfahren können. Die Abfahrtszeit war längst vorüber.

Doch sie wussten es anscheinend besser als ich, liefen am Familienwagen vorbei nach hinten zu den einstöckigen Wagen. Als sie etwa beim dritten einstöckigen Wagen ankamen, realisierten sie, dass man da ja nur über Treppen in den Zug gelangt. Der Ehemann rief mir zu: “Mit euerne Schiiswäge chanme mitem Chinderwage ja nöd mal richtig iistiege! Helfet sie eus gfälligst!!!”

Aus Sicherheitsgründen muss ich bei der Abfahrt jedoch einen guten Blick auf den gesamten Zug haben, so dass ich die “nett formulierte Bitte” höflich ablehnte. Ich rief ihnen stattdessen zu, dass ich ihnen gesagt hätte, sie sollen beim Familienwagen einsteigen. Nun hätten sie das Geschenk. “Dem seit me also Kundedienst?”, wollte der Mann nun wissen. “Scheiss SBB!” Ich lachte nur und drehte ihm demonstrativ den Rücken zu.

Als sie endlich eingestiegen waren, fuhren wir mit Verspätung los nach Zürich.

Bei der Kontrolle dann sagte ich den Beiden: “Entschuldigen Sie bitte, ich konnte ja nicht ahnen, dass sie beide taub sind und mich deshalb nicht hören konnten…” Doch der Mann erwiderte: “Ich kann Sie sogar sehr gut hören! Aber das wäre ja noch, dass uns die SBB befiehlt, wo wir einzusteigen hätten! Wir wählen unseren Platz gefälligst selber aus! Und ausserdem muss ich Ihnen sagen: Sie sind stinkfrech!”. Nun, er soll da mal “direkt” nicht mit “stinkfrech” verwechseln

 

Stolzer Familienvater
Ich interpretiere das Verhalten dieses Mannes so: Als stolzer Familienvater und Ehemann wollte er seinem Baby (dem Kleinkind) und seinem Baby (der Ehefrau) zeigen, auf welchem Platz er werktags zur Arbeit fährt. Er wollte ihnen demonstrieren, wie er jeweils dorthin fährt, wo er das Haushaltseinkommen verdient.
Ich denke, er wollte seiner jungen Familie zeigen, auf welchem Sitz er frühmorgens und spätabends sitzt, kurz nachdem er die Familie verlassen hat oder zu ihr zurückkehrt.
Vermutlich wollte er Anerkennung: “Guät Papi, das machsch du guäääääääät!” ;)
Anders kann ich es mir nicht erklären, weshalb er an rund sechs Wagen mit schätzungsweise 300 freien Sitzen vorbei lief.

 

Sohn verschwindet aus fahrendem Zug?
Nach einer kurzen Pause in Zürich stand ich vor meinem Zug, der mich nach Brig bringen soll. Es war wieder ein Doppelstockzug, diesmal jedoch ohne angehängte einstöckige Wagen (”Modul”).

Ein paar Minuten nach der Abfahrt - ich war im zweithintersten Wagen (1. Klasse) im oberen Stock - lief mir ein junger Knabe entgegen, den ich auf etwa 7 Jahre schätzte. Er fragte mich nach der Toilette und ich erklärte ihm den Weg: “Jetzt gehst du hier hinten noch ein paar Meter weiter, dann die Treppe hinunter und dann siehst du unten links die Tür zur Toilette. Du darfst einfach nicht vergessen, abzuschliessen, damit die Leute sehen, dass besetzt ist.” (Kleine Kinder vergessen dies nämlich noch oft.)

Ich kontrollierte weiter und zwei Wagen weiter vorne - im Restaurant - wandte sich ein nervöser Vater an mich: “Sie, kurz vor dem Halt in Zürich wollte mein Sohn auf die Toilette! Seither habe ich ihn nicht mehr gesehen!” Ich vermutete (hoffte!), dass damit der kleine Junge von vorhin gemeint war und fragte: “Trug er einen blauen Pullover mit einer Sonne vorne drauf?” “Ja genau! Ich hoffe, er ist nicht in Zürich ausgestiegen!!!”

“Nein nein”, konnte ich ihn beruhigen. “Er fragte mich kurz nach der Abfahrt nach dem WC und ist somit noch im Zug. Jetzt sind wir ja ohne Halt bis Bern unterwegs, er kann also den Zug nicht verlassen. Sollte er in zehn Minuten nicht zurück sein, gehen sie mal nachschauen oder rufen mich. Dann suchen wir ihn.

Gleich ein Abteil weiter hatte ich dann einen komplizierteren Fall, der mich über fünf Minuten lang beschäftigte. (Telefonische Abklärungen etc…) Als ich damit fertig war, ging ich zum Familienvater zurück und fragte ihn, ob ich rasch mit ihm mitkommen solle, um nach dem Kind zu schauen. Zu dritt (der kleine Bruder, ca. 4 Jahre, kam auch mit) gingen wir zurück in die erste Klasse und fanden den Jungen dann im zweithintersten Wagen, wo er es sich auf einem Sitz bequem gemacht hat. Der Kleine hatte herausgefunden, dass man in der ersten Klasse - anders als in der Zweiten - die Sitze verstellen und so halb liegend reisen kann. Dies fand er dann so bequem, dass er sich entschloss, gleich die ganze Fahrt so zu verbringen. ;-)

Naja, der Vater konnte ihn dann doch dazu überreden, zurück ins Restaurant zu kommen, wo es “öppis Feins z’esse” gäbe.

 

Billett verloren?
Später stiess ich dann noch auf eine Dame, die ihr Billett nicht fand: “Sie, losed Sie, i glaube, i han mis Billett verlore. Chan i na nachlöse be Ihne?” Solche Situationen gibt es immer wieder; vor allem ältere Leute versorgen ihr Billett ab und zu an einer Stelle, wo sie es sonst nie hin tun und finden es dann nicht mehr. Früher oder später taucht es dann meistens aber doch noch auf. “Wüsset Sie was; i mache na rasch dä Wage do fertig und chum denn zu Ihne retour. Suechet Sie in derre Ziit na chli nachem Billett, das taucht sicher na eswo uf.”

Nur ganz kurze Zeit später - ich kontrollierte immer noch die Reisenden - lief mir die Dame entgegen und strahlte über das ganze Gesicht. Triumphierend hielt sie ihr Billett in die Höhe. Ist also nochmals alles gut gegangen. :)

Schmunzeln muss ich dann auch immer wieder bei der Einfahrt in den Bahnhof Bern: Als übergrosse Leuchtreklame prangt dort der Schriftzug von BOMBARDIER, mit dem Untertitel “The Climate is right for trains“. Ein Hersteller von Rollmaterial platziert seine Werbung beim Hauptsitz der SBB, an einer Stelle wo die Verwaltungsräte und die Geschäftsleitung Konzernleitung regelmässig vorbei fahren… Clever! Aber ich glaube nicht, dass sich unsere Manager so leicht beeinflussen lassen. ;-)

 

Fahrgast ganz in Grün
In unseren Zügen gibt es ja bekanntlich Leute aus allen Bevölkerungsschichten. Einen etwas “spezielleren Fall” traf ich dann kurz vor Thun an:

- Farbe der Schuhe: grün
- Farbe der Schuhbändel: grün
- Farbe der Hose: grün
- Farbe des Pullovers: grün
- Farbe des Ringes an einem Finger: grün
- Farbe der Brille: grün
- Farbe des Stirnbandes: grün
- Vermutlich waren auch seine Socken, seine Uhr und seine Augenfarbe: grün

Dann nahm er sein GA hervor und siehe da: Auch auf dem Föteli alles (ausser Haut und Haar): grün. Naja, schlussendlich ist es mir ja lieber, die Kleidung ist grün und die Haut normalfarben als umgekehrt… Trotzdem war dieser Fahrgast schon ein wenig spooky… ;-)

Vor einiger Zeit (muss wohl bald schon zwei Jahre her sein) hatte ich mal einen ähnlichen Fall, bei dem war jedoch alles ganz in weiss, inklusive der Handschuhe.

 

Drei Graufahrten auf zwei Zügen
Nach einer Pause in Brig ging es wieder zurück nach Zürich. In Brig bereitete mir eine Kollegin den Zug vor und als ich auf das Perron kam, sprach sie in einem irrsinnig raschen Redeschwall auf mich ein, ich verstand kein Wort! Naja, kurz bevor ich dann fast sagte: “Du sorry, aber i verstand kei Walliserdytsch…”, merkte ich, dass es französisch war… :-/ Naja, das tönt ja auch beides fast gleich (mit viel Fantasie!). ;-)

Danach sprach sie langsamer und so verstand ich sie dann auch.

Von Brig bis Bern begleitete mich dann ein Kollege, welcher den vorderen Zugteil des Doppelstöckers kontrollierte. In Bern angekommen kam er auf mich zu, um sich zu verabschieden und teilte mir noch etwas mit: “Du, hör mal, ich hatte von Visp bis Bern einen Maximalpigmentierten mit seinem Sohn. Er hat ein Gleis 7, sein Sohn die Juniorkarte; jetzt ist aber die Juniorkarte zum Gleis 7 nicht gültig. Sprich: Der Sohn hätte noch nachlösen müssen. Leider hatten die kein Geld dabei, deshalb musste ich sie aufschreiben. Den Ausländerausweis hat er dabei, wohnhaft ist er in Landquart GR, er sagte mir jedoch, er wolle nur bis Bern fahren. Jetzt habe ich aber gesehen, dass er zwar ausgestiegen ist, dann aber bei dir vorne gleich wieder einstieg. Nun kommt er wohl mit bis Zürich. Vermutlich wird er auch bei dir behaupten, dass ihm niemand gesagt habe, die Juniorkarte sei zum Gleis 7 nicht gültig; deshalb, damit es klar ist: Ich habe es ihm sehr deutlich erklärt und vermute, dass ich nicht der Erste war! Also dann, viel Spass!”
Und tatsächlich, auf der Fahrt von Bern nach Zürich traf ich die beiden an und der Herr behauptete, er sei bis anhin immer so gefahren und noch nie habe ihm jemand gesagt, dies sei so nicht gültig. Nun, für diese dreiste Lüge erhielt er dann auch die entsprechende Quittung…
In Zürich angekommen stand mir wieder eine Pause bevor, doch zuerst machte ich noch einen kleinen Abstecher zum Zug, welcher nach Landquart und Chur fuhr. Der Gleis 7-Abonnent und sein Sohn sagten mir im Zug nämlich, dass sie nur bis Zürich fahren würden. Ich jedoch vermutete stark, dass sie nach Hause - sprich nach Landquart - wollen. Also erzählte ich dem Zugbegleiter des entsprechenden Zuges von den beiden Reisenden und gab ihm auch gleich die Personalien, so dass er diese nicht noch extra verlangen musste. :)

 

Fazit
Ein ganz kleiner Ausschnitt eines typischen Arbeitstag eines Zugbegleiters. Genau dies reizt mich auch an meinem Job: Man weiss nie, was einem erwartet und was man so alles erlebt auf einer Tour quer durch die Schweiz.

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