Mo

27

Apr

2009

Neues Leben auf alten Gleisen im Bayerischen Wald

Eine Initiative im Bayerischen Wald will die stillgelegte Bahnlinie

im Ilztal wiederbeleben. Das Wirtschaftsministerium erteilte vorerst Betriebserlaubnis.

Seit vier Jahren kämpfen rund 450 Enthusiasten um die Wiederbelebung der 2005 stillgelegten Eisenbahnstrecke von Passau in den östlichsten Zipfel Bayerns bis zur Bayerwald-Kreisstadt Freyung. Jetzt hat der Ilztalbahn-Verein einen ersten Teilsieg errungen: Das bayerische Wirtschaftsministerium hat der Rhein-Sieg-Eisenbahn GmbH in Bonn als möglicher Betreiberin und ihrem Kooperationspartner, der Ilztalbahn GmbH (ITB), die Betriebsgenehmigung erteilt.

"Damit hat unser Unternehmen nach der Chiemgauer Lokalbahn und der Laabertalbahn die dritte bayerische Lokallinie zu betreuen", sagt ITB-Geschäftsführer Thomas Schempf. Ziel der Reanimierung sei nicht nur, eine Touristenattraktion zu schaffen, sondern auch der einheimischen Bevölkerung den öffentlichen Personennahverkehr wieder schmackhaft zu machen.

Doch damit ist die Ilztalbahn noch längst nicht vom Abstellgleis geholt, denn die Gegner, vor allem der Radweg-Förderverein, der auf dem Bahndamm lieber Radler sehen will, wirft dem Ilztalbahn-Förderverein vor, mit seiner Kalkulation in Höhe von rund 770 000 Euro zur Sanierung der Strecke und mit einem geschätzten Gesamtaufwand für die Inbetriebnahme von 1,6 Millionen Euro mit "unrealistischen und unseriösen Kostenschätzungen" zu operieren. Der Radweg-Förderverein beruft sich dabei auf eine Einschätzung der DB Netz AG, die dafür rund 6,8 bis 8,5 Millionen Euro veranschlagt hat. Einige Skeptiker sprechen sogar von 12,2 Mio. Euro.

Ilztalbahn-Fördervereinsvorsitzender Michael Liebl und ITB-Geschäftsführer Thomas Schempf halten letztere Schätzung für total überzogen, ihren Finanzierungsplan dagegen für realistisch, da man zum einen über Eigenkapital verfüge und mit rund 70 Prozent Zuschüssen aus Interreg-Fördertöpfen rechnen könne. Politische Unterstützung kommt nicht nur von den Anrainerkommunen, sondern auch von der Bezirksregierung im tschechischen Budweis und der Tschechischen Bahn, denen die Strecke den Weg nach Bayern öffnen würde.

Gehen die Wünsche der Eisenbahnfreunde in Erfüllung, könnte bereits ab 2010 ein Wochenend- und Feiertagsverkehr von Passau über Waldkirchen nach Freyung mit vier Fahrten täglich aufgenommen werden. Durch einen Shuttlebusverkehr zum Nationalpark Bayerischer Wald und zum Anschluss an die tschechische Bahn könnte die Bahn die Zahl ihrer Fahrgäste steigern.

Seit dem Jahre 1892 beförderte die Lokalbahn durch das romantische Ilztal auf der 49,5 Kilometer langen Strecke von Passau nach Freyung Einheimische und Feriengäste, ließ Soldaten in zwei Weltkriege ziehen, brachte nach der Gründung der Bundeswehrgarnison in Freyung Panzer zu Manövern und galt damit auch verteidigungspolitisch als strategisch wichtige Einrichtung hin zum Ostblock.

Die Bauern nutzten die Eisenbahn, um ihr Vieh zu den Märkten oder zum Schlachthof nach Passau zu transportieren. Die schwersten Lasten für die Ilztalbahn kamen aber aus dem größten Waldgebirge Europas in Form von Schnitt- und Brennholz sowie als Granit aus den zahlreichen Steinbrüchen.

Eilig durfte man es damals freilich nicht haben, da in den Anfangszeiten den Personenzügen auch Güterwagen angehängt wurden und deshalb Rangierzeiten in Kauf genommen werden mussten. Dann dauerte es oft lange, bis ein Zug aus Freyung, der es ohnehin nur auf Spitzengeschwindigkeiten von 50 Stundenkilometern brachte, erst nach drei Stunden in der Dreiflüssestadt Passau eintraf. Als in den 60er-Jahren auch im ehemaligen Notstandsgebiet das Wirtschaftswunder Einzug hielt, wurden in Jandelsbrunn die Knaus-Wohnwagen und die Produkte der Zahnradfabrik Passau auf die Gleise gebracht. Urlauber aus Westdeutschland konnten einst, ohne umsteigen zu müssen, zum Beispiel von Dortmund aus direkt in das Kreisstädtchen Freyung fahren.

Bis Kriegsende gab es für die Nebenstrecke von Waldkirchen zum Grenzort Haidmühle auch eine direkte Verbindung zum tschechischen Bahnnetz, doch dieser Bahndamm dient nach dem Rückbau der Gleise im Jahre 1994 als Radwanderweg und Langlaufloipe. Auch die Strecke nach Freyung wurde schließlich 2005 offiziell vom Eisenbahnbundesamt stillgelegt. Einige touristisch orientierte Anliegerkommunen plädierten bis hin zu den Gremien des Bayerischen Landtags dafür, auch hier die Gleiskörper herauszureißen und Platz für einen Radweg zu machen.

Dieser Vorschlag sorgte für Zündstoff im Bayerischen Wald. Der Förderverein Ilztalbahn e. V. mit seinen 450 Mitgliedern - darunter Politiker aller Fraktionen - und die Ilztalbahn GmbH formierten sich mit der Forderung zur Reaktivierung der Bahnstrecke für Personen- und Güterverkehr und die Organisation eines Shuttlebusanschlusses bis hinüber nach Tschechien. Es gibt sogar Überlegungen, Fahrgästen der Fernzüge aus Prag und Budweis einen Fahrplan zu offerieren, der ihnen mithilfe der Ilztalbahn einen Anschluss in Passau an die großen nationalen und internationalen Züge nach Wien und Budapest, nach München und Frankfurt ermöglicht.

Die Freunde der Ilztalbahn haben sich nicht nur ideell ins Zeug gelegt, sondern wollen die Sanierungskosten durch Eigenleistung um bis zu 40 Prozent drücken. Bereits im Herbst des Vorjahres griffen sie zu Spaten und Kettensäge, um Bäumchen und Büsche an und auf den Bahngleisen zu roden und damit die Strecke buchstäblich aus dem Dornröschenschlaf zu holen. Zudem haben sie erfolgreich mit der Ausbildung von ehrenamtlichem Zugbegleitungspersonal und Rangierbegleitern wie mit Triebfahrzeugführerschulungen begonnen. Zum späteren Betrieb sollen Dieseltriebwagen angemietet werden. Als Verwaltungs- und Informationszentrum hat man den stillgelegten Bahnhof der Bayerwaldstadt Waldkirchen ins Auge gefasst.

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